Sonnig, 22 Grad
22.06.10
22.06.10
Football USA gibt den ersten Bericht aus dem Trainingslager der US-Amerikanerinnen. Bereits seit Sonntag trainiert Team USA in Austin, Texas. Die ersten Erkenntnisse: Im Zweikampf zwischen Offense und Defense liegt bisher die Defense vorne, die unterlegene Offense muss im nächsten Training die roten Westen tragen und am Donnerstag geht es nach Europa.
Die Deutsche Nationalmannschaft geht erst am Freitag ins Camp. Durch die kürzere Anreise und den späteren Einstieg ins Turnier können wir 5 Tage später starten und haben trotzdem nur einen Tag weniger Zeit im Camp.
http://www.usafootball.com/articles/displayArticle/7481/9624
21.06.10
Heute ist schon Montag und in nur vier Tagen geht es los ins Trainingscamp in Strausberg. Wo in aller Welt bleibt nur die Zeit? Gerade waren es noch Monate bis zur American Football WM in Schweden, dann noch viele lange Wochen und jetzt rennt mir die Zeit nur davon!!
Morgen steht noch meine allerletzte, absolute Abschlussprüfung bevor. Morgen Nachmittag um drei habe ich alles hinter mir und werde mich dann endlich den „wichtigen“ Dingen zuwenden: die Tasche für Schweden packen.
Was nimmt man zu einer Weltmeisterschaft als Teilnehmer mit? Und warum nur 20 Kg??? Ich bin vielleicht nicht ein „Mädchen“-Mädchen, welches drei schrankhohe Koffer in einen Urlaub mitschleppen würde, aber wie alle meine Mannschaftskolleginnen muss auch ich neben der Wäsche für zehn Tage auch noch meine Ausrüstung im Gepäck unterbringen. Welche Freizeitkleidung packe ich ein? Spare ich Gewicht, wenn ich mich nur auf kurze Hosen beschränke? Packe ich überhaupt Duschgel und Shampoo ein? Hotels statten die Zimmer doch eigentlich immer damit aus. Vielleicht nehme ich auch nur Kernseife mit, wie meine Teamkollegin Sarah vorschlug, damit könnte ich nicht nur Wäsche waschen, mich und meine Haare pflegen, sondern die Seife in Verbindung mit einem Socken bei einem potentiellen Schnarcher auf dem Zimmer auch als „Fernbedienung für die zimmerinterne Lautstärkenregelung“ nutzen. Wer Platz und Gewicht einsparen muss, wird eben erfinderisch. Schmunzelnd frage ich mich auch, wie lange man ein Paar Socken tragen kann, bevor es unangenehm riecht…
Auf Facebook haben meine drei Teammitglieder bereits eine Rundmail unter uns Vieren gestartet: Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Eine gute Idee, denn ich hätte nicht daran gedacht, z.B. noch Anti-Mücken-Spray, die Notfallnummer der Auslandskrankenversicherung oder einen Dreckwäschebeutel einzupacken. Den Impfpass habe ich auch eingesteckt, hätte ich mich auch noch gegen Zeckenbisse vorbehandeln lassen sollen? Unsinn, unser Hotel liegt zwar in den Schären von Stockholm, aber aus der Stadt kommen wir eh nicht.
Langsam wird es also ernst. Ich muss Probepacken, damit ich unter dem 20Kg-Limit bleibe. Wird meine große Sporttasche reichen oder stopfe ich alles in meinen Weltreiserucksack? Wieviele T-Shirts sind von Nöten, wie oft werde ich waschen können? Wird es eher frisch oder doch warm? Probiere ich meine Schwimmsachen nochmal vorab an, ob die noch passen? Fragen über Fragen. Ich werde auch noch meinen MP3-Player aufräumen und neu bestücken müssen. Ich werde Musik zum Aufpumpen, zum „Runterkommen“ und zum Einschlafen benötigen, nur was und wieviel?
Ich habe noch drei Tage, um alle Dinge zusammenzustellen und zu verpacken und ich weiß schon jetzt, dass ich dennoch was vergessen werde, welches ich teuer in Stockholm nachkaufen muss. Laut Ablaufplan wird nicht viel Zeit zum Einkaufen sein und die nächsten Geschäfte sind eine 10 minütige Busfahrt vom Hotel entfernt. Also hoffe ich, dass die 45 Mädels sich untereinander geschickt ergänzen, ansonsten werden wir wohl Tauschgeschäfte mit den beiden anderen Mannschaften (Kanada und Finnland) begehen müssen, die ebenso in unserem Hotel untergebracht sind.
Ich bezweifele, dass die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sich mit dem 20 Kg-Limit überhaupt abgeben müssen. Wenn da von den Jungs ein paar Schuhe vergessen wird, dann flitzt sicherlich irgendein Assistent los, der da Vergessenes und Erwünschtes besorgt.
So einen Assistenten sollte ich auch bei unserem Teammanagement beantragen…
Online auch bei http://www.lokalkompass.de/wesel/sport/weltmeisterschaft-in-schweden-abschlusspruefung-und-viel-zu-wenig-zeit-d2998.html
21.06.10
Wenn man sich die Frauen-Nationalmannschaft inklusive Staff genauer anschaut, wird man feststellen, dass sie aus vielen doch sehr unterschiedlichen Individuen zusammengesetzt ist. Da stell man sich die Frage: Wie sollen in Stockholm diese Individuen als ein Team auftreten? Denn das ist ja einer der Punkte, der erfolgreiche Deutsche Nationalmannschaften immer ausmachte. Teamgeist. Und wenn man dann noch genauer hinschaut, dann findet man auf einmal doch viele Gemeinsamkeiten der Spielerinnen und Staff. Einige davon sind offensichtlich: Alle sind zum ersten Mal dabei. Alle wollen eine Medaille. Nach außen sagen die meisten Bronze und meinen aber eigentlich Gold. Aber dann sind da noch Gemeinsamkeiten, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Was sollen Bathseba Buczylowski, Quarterback, 23 Jahre aus Köln und Equipment-Managerin Sonja Schmidt aus Berlin schon gemeinsam haben? Es ist die Liebe zu einem Kontinent: Afrika.
Bathseba „Batze“ Buczylowski studiert Afrikanistik und Anglistik. Auch wenn sie sagt: „Das waren halt die zwei ersten Fächer auf alphabetischen Liste der Studienfächer“ , so steckt doch mehr dahinter. Nach dem Abitur und einem Auslandsjahr in England hat sich Batze viel zeit genommen, um darüber nachzudenken, was sie wirklich interessiert im Leben. Und das sind ganz eindeutig die Sprachen. „Ich liebe Sprachen. Ich halte Sprachwissenschaften für eine der wichtigsten Wissenschaften überhaupt. Durch Sprache sind wir erst zu Menschen geworden und wenn wir uns alle verstehen würden, würde das viel Leid auf der Erde verhindern“. Vor vier Jahren während der Fussball-Weltmeisterschaft war Batze zum ersten Mal in Afrika. In Südafrika arbeitete sie als freiwillige Helferin bei der Bestandsaufnahme von Wildtieren in einem Naturreservat. „Wir sind also in Teams zu dritt oder zu viert 10 – 30 Kilometer am Tag auf festgelegten Routen durch den Busch gelaufen und haben Tiere gezählt. Was habe ich dort erlebt – soviel. Hyänen machen die gruseligsten Geräusche die ich je gehört habe. nachts sind sie zu uns ins Camp gekommen und die klingen wie eine Mischung aus Babygeschrei und Wolfsheulen sehr gruselig. Auf dem Weg zu den Toiletten habe ich dann auch eine Auge in Auge getroffen. Sie hat sich zum Glück so sehr erschreckt wie ich und ist abgehauen. Als ich dann das rettende Sanitärgebäude erreichte war nur schon jemand vor mir da – eine Schlange, und auch noch eine giftige. Glücklicherweise hat sie mich nicht gebissen sondern den Schlangenspezialist am nächsten Tag. Der dann einen sehr schmerzvollen Tag hatte und einen Arm so dick geschwollen wie ein Elefantenbein. Südafrika ist gesegnet mit einer hinreißenden Natur und Wildlife.“
Über ihre weiteren Pläne erzählt sie: „So viel vor und nur so wenig Zeit. Ich möchte gerne nach Tanzania für ein paar Monate. Ich lerne Swahili seit 2-3 Jahren und an der Küste von Tanzania wird Kiunguja gesprochen – das Hochswahili. Im Moment verstehe ich nur einen Swahilisprecher, der langsam und deutlich spricht. Swahili ist die schönste Sprache, die ich je gehört habe. Im Moment arbeite ich als Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für angewandte Linguistik und helfe bei der Betreuung von wissenschaftlichen Projekten im Bereich Alphabetisierung, bilinguale Erziehung und bei der Lehrstuhlorganisiation. Ich will Gutes tun.“
Wenn Batze ins Erzählen kommt, dann versteht man ihre Selbsteinschätzung besser: „Eigentlich kann ich nur zwei Sachen richtig: Geschichten erzählen und Quarterback spielen.“ Wer also spannende Geschichten aus einem fernen Kontinent hören will, sollte sich im Camp mal länger mit Batze unterhalten.
Sonja Schmidt wird dies bestimmt tun, kann sie doch selber spannende Geschichten aus Afrika berichten. Sie hat 2006 in Tansania den Kilimandscharo, mit 5895m der höchste Berg Afrikas, bezwungen. Für Sonja ein langgehegter Traum, der in Erfüllung ging. Drei Tage zuvor hatte sie schon den Mount Meru 4.562 m erklommen. Während für viele der ideale Urlaub aus zwei Wochen All-Inklusive besteht, verbringt Sonja ihre freie Zeit in der Wüste von Libyen. Ohne fließend Wasser, ohne Bett und unter einem freiem Himmel schlafend findet sie hier Entspannung vom Büro-Alltag. „Wenn man die Wüste durchquert, findet man sich selbst. Man lernt sehr schnell, was für ein Luxusleben man hier in Deutschland doch genießt. Solche Reisen verändern einen Menschen enorm und lassen einen viele Dinge anders sehen.“
Und so wie Afrika zwei Mitglieder unseres Teams vereint, so gibt es viele Berührungspunkte zwischen den zahlreichen Spielerinnen. Manche sind Mütter, einigen studieren die gleiche Fachrichtung, viele haben Erfahrungen in anderen Nationalmannschaften gesammelt, sind als Schiedsrichter aktiv oder haben den selben Musikgeschmack. Und da gibt es einen Punkt, der sie alle vereint.
Denn darin werden sich alle einig sein und werden Sonja Schmidt, die selber dreizehn Jahre lang spielte, zustimmen: „Die Nationalmannschaft ist für mich und vor allem für den Frauenfootball ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um den Frauenfootball … zu unterstützen und diesen noch populärer zu machen und endlich die falschen Vorurteile „Frauen und Football“ zu entkräften.“
In diesem Sinne
19.06.10
Wie konnte das eigentlich passieren, dass ich mit einem Hobby startete und nun in Kürze als Mitglied der Nationalmannschaft die deutsche Nationalhymne im Stadion Zinkensdamm schmettern werde?
Vor vielen Jahren, es muss so um 1995 gewesen sein, rutschte ich nach und nach, Dank der footballbegeisterten Familie meines damaligen Freundes, Stück für Stück in das Lebensgefühl American Football. Die Spiele wurden nachts von den wenigen Freunden, welche die Spiele empfangen konnten, auf Video aufgenommen und im Freundeskreis frisch vervielfältigt verteilt.
So richtig packte mich allerdings erst die Begeisterung für den Sport beim XXXII. Superbowl der Greenbay Packers gegen die Denver Broncos. Das Spiel war das spannendste, welches ich bis dahin gesehen hatte und der Quaterback der Denver Broncos, Jon Elway, spielte mit soviel Herz und Seele, wie ich es noch nie in einem anderen Sport erlebt hatte. Diesen Sport wollte ich auch ausprobieren! Nur wie und wo testet frau einen männlich dominierten Testosteronsport?
Als sei meine Frage erhört worden, fand ich ich 1999 eine Anzeige im lokalen Veranstaltungskalender. Die Mülheim Shamrocks suchten für ihre Damenmannschaft Verstärkung und luden zum Probetraining ein. Mir gefiel besonders, dass Mädchen und Frauen jeglicher Figur und jeglichen Alters gesucht wurden. Da ich schon immer eher von der „mopsigen“ Sorte gewesen bin, kam mir das natürlich entgegen. Ich schnappte mir meine Mitbewohnerin und schleppte sie zum Wintertraining.
Der Trainer jagte uns in der Woche Runde um Runde um den winterlichen Sportplatz und am Sonntag über den Zirkel in der Sporthalle. In der Sporthalle bekamen wir auch in Theoriestunden die Grundlagen von American Football und später auch die Spielzüge beigebracht und in kleinen Gruppen nötigen technischen Grundlagen und Bewegungsabläufe.
Die Mannschaft war (und ist es bis heute) ein Sammelsorium von Charakteren, die mich von Anfang an begeisterte. Ich war vorher bereits im Schwimmverein gewesen und war jahrelang im Reitverein Springreiter, aber so wohl hatte ich mich noch in keiner Sportgruppe gefühlt.
Dann kam das erste Außentraining in voller Ausrüstung auf mich zu. Mir wurde mitgeteilt, dass nun wirklich Football gespielt wurde, und in meinem ersten Training wurde ich über den Platz geschoben, getackled und geblockt. Ich spürte nach dem Training Muskeln von denen ich vorher noch nicht einmal geahnt hatte, dass ich diese überhaupt hatte! Aber nie zuvor hatte ich mich so wohl nach einer Sporteinheit gefühlt.
Das erste Spiel folgte und ich fühlte mich völlig planlos auf dem Feld (war ich auch wahrscheinlich). Rief der Trainer eigentlich nur meinen Namen über das Feld? Spiel auf Spiel folgte und die Theoriestunden fügten sich nach und nach mit der Praxis zu einem Ganzen zusammen. Neben dem Sport an sich hatte ich in meiner Mannschaft einen neuen, festen Freundeskreis gefunden. Jahr auf Jahr folgte; für mich entwickelte sich meine Mannschaft zu einer Art Familie. Wir durchleben gemeinsam Erfolge und Niederlagen; wir feiern zusammen genauso, wie es manchmal im Gebälk kracht. So gehört es sich eben und so ist das in einer Horde Weiber.
Mittlerweile spielten wir gegen Mannschaften in ganz Deutschland, die Bundesliga wurde gegründet, man teilte sie sogar in 1. und 2. Bundesliga auf. Und dann, 2009, nach mehreren Jahren in der 1. Bundesliga der Damen, platze in Football-Deutschland die Bombe. Es sollte eine weibliche Nationalmannschaft geben, die in Schweden bei der Weltmeisterschaft in antreten wird.
Die Trainer der Mannschaften sollten die Favoriten Ihrer Mannschaft zum Try-Out senden, zum ersten Auswahlverfahren. Ich war leider nicht dabei. Mein Trainer hatte zu Recht meine beruflich bedingte geringe Trainingsbeteiligung berücksichtigt und mich nicht vorgeschlagen. Geknickt nahm ich das hin.
Ich freute mich natürlich für die Vorgeschlagenen aus meinem Team, knabberte aber dennoch an meinem angekratzten Ego. Ein Trainer einer befreundeten Mannschaft schlug mich nachträglich vor und legte ein gutes Wort für mich ein (Danke nochmals, Tom!), so dass ich schlussendlich doch noch zum Try-Out nach Köln eingeladen wurde. Ich rannte, sprang, und spielte mir die Seele aus meinem untrainierten Leib. Ich kämpfte auf dem letzten Zahnfleisch. Wenn ich es nicht jetzt schaffen würde in den Kader der Nationalmannschaft aufgenommen zu werden, wann dann?
Einige Wochen und abgenkabberte Fingernägel später stand der erweiterte Kader fest, der zum ersten Trainingslager in Silberborn eingeladen wurde und ich war dabei! Über 100 Mädchen und Frauen trafen sich über ein verlängertes Wochenende, um den Trainern der Nationalmannschaft zu zeigen, dass sie in den Kader der 45 Auserwählten gehörten. Drei Tage in Regen und Schlamm voller Emotionen und Hoffnungen, Kälte und Müdigkeit zahlten sich aus. Der endgültige A-Kader stand fest und ich hatte es geschafft. Drei meiner Shamrock-Mannschaftskollegen und auch ich sind nun auf dem sicheren Weg nach Schweden zur WM in Stockholm. Tag für Tag trudeln Emails mit Anweisungen und Ablaufplänen in meine Mailbox und Tag für Tag kann ich es weniger glauben, dass wir in ein paar Tagen schon in das Vorbereitungslager in der Nähe von Berlin reisen, um ab dem 27. Juni an der Womens World Championship teilzunehmen. Am 29. Juni treffen wir auf unseren ersten Gegner, die Nationalmannschaft unserer Gastgeber Schweden.
Ich bin mit meiner Nationalmannschaft unterwegs in unser Sommermärchen.
Wer hätte das vor 11 Jahren gedacht?
Bettina schreibt auch für die Lokalzeitung. Der Artikel erschien auch hier:
18.06.10
Aller Anfang ist schwer: Zwischen dem ersten Einzeller und dem aufrechten Gang eines Homo Sapiens sind ein paar Milliarden Jahre vergangen. Zwischen dem Bau der ersten Dampfeisenbahn in England und dem ersten TGV in Frankreich liegen immerhin noch 150 Jahre. Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit wurden fast im Verborgenen in Griechenland abgehalten und auch an die Qualität der ersten Fußball WM in Uruguay 1930 mag sich heute kaum noch jemand erinnern. Und nicht zuletzt startete Bill Gates sein Imperium in einer Garage. Alles, was heute prachtvoll unseren Lebensrythmus bestimmt, benötigt Zeit und Entwicklung. Ob im Wirtschaftsleben, in der Natur, in der Politik oder im Sport will alles erst zusammenwachsen, was zusammengehört. Im Frauenfootball wird es nicht anders sein und so grenzt es schon an ein kleines Wunder, dass trotz einer Finanz- und Wirtschaftskrise im Juni und Juli 2010 in der schwedischen Hauptstadt Stockholm sechs Nationalteams aufeinander treffen, die es vor wenigen Monaten noch nicht gegeben hat und ihren ersten „World Champion“ ausspielen wollen.
Es liegt schließlich in der Natur der Sache, dass erst durch Ausleseprozesse eine Rangordnung entsteht und der Sport dadurch seine Berechtigung erhält, weil der Mensch, egal ob Moslem, Christ oder Hindu, egal ob Amerikaner, Europäer oder Asiate, den ewigen Wettbewerb zwischen seines Gleichen irgendwann während seiner Evolutionsgeschichte zu einer seiner Lieblingsbeschäftigungen erkoren hat. Also ist es nur Recht und billig, dass eine Lücke in der Sportwelt mit der Austragung dieser Spiele geschlossen werden muss und auch aus der Sicht der Gleichstellung zwischen Mann und Frau ein neues Kapitel aufgeschlagen werden darf.
Dabei ist die Frage nach dem Favoriten diesmal noch nicht so entscheidend wichtig und scheinbar auch schon beantwortet. Die Fachwelt rechnet natürlich mit den USA, die traditionell immer dann groß auftrumpfen, wenn es um internationales großes sportliches Prestige geht und sie natürlich mit ihrer IWFL, der halbprofessionellen landesweit organisierten Frauenfootballliga über die scheinbar beste Struktur verfügen. 51 Teams mit 1800 Sportlerinnen kann niemand einfach so ignorieren. Natürlich sollte auch nicht vergessen werden, dass die USA immer dann besonders aktiv werden, wenn es in ihrem Lieblingssport etwas zu holen gibt. Dann müssen natürlich alle Hebel in Gang gesetzt werden, um auch diesmal die virtuelle und suggerierte Vormachtsstellung im Frauenfootball erstmals durch einen Vergleich zwischen den führenden Nationen eindrucksvoll zu beweisen. Ob die neue deutsche Frauen-Nationalmannschaft schon die Kraft und den Zusammenhalt besitzt, als potentieller Finalgegnerkandidat neben dem ebenfalls als stark einzuschätzenden Kanada anzutreten, bleibt abzuwarten, gehört aber zu den spannenden in Stockholm zu klärenden Fragen.
„Ein Länderspiel Finnland gegen Schweden hat Schweden eine kleine Frauenliga beschert. Wie groß muss der Multiplikatoreffekt erst bei einer WM im eigenen Lande sein?“, fragt sich auch mittlerweile der zuständige deutsche Mannschaftssprecher Andreas Gebek, der die letzten Monate des frisch gebildeten Teams miterleben durfte und auch das Zitat prägte „Das Schwierige an einer Auswahl ist das Auswählen.“ Andreas Gebek liefert aber auch eine Antwort, warum es langsam Zeit wird, eine Frauen Football Weltmeisterschaft endlich zu veranstalten: „Vielleicht sind die Auswirkungen bei uns nicht so stark zu spüren – in der skandinavischen Welt dafür umso mehr und sorgen für nachhaltige Effekte.“
Aus der skandinavischen Brille gesehen, erscheint es so, als wenn Finnland den größten Entwicklungsstand besitzt. Bereits in den späten 80er Jahren begannen Finnlands Frauen Flag Football zu entdecken. Es folgte um die Jahrhundertwende der Tacklefootball. Heute kann Nationalcoach Teemu Kuusisto sagen, dass in seinem Land neun Frauenfootballteams in einer Tackleliga spielen und das Gros der finnischen Mannschaft sich von den Helsinki Roosters und den GS Demons Helsinki rekrutieren läßt. Finnland setzt somit in den Teilmannschaften auf eine klare Blockbildung und hofft, dass sich die Sportlerinnen immer wieder schnell zu einem Team formen lassen, da sie sich ja schon bereits aus dem Clubleben gut kennen.
Auch aus sportlicher Sicht ist eine solche Veranstaltung schon längst überfällig. Angesprochen auf das zu erwartende sportliche Niveau geben die bekannteren Experten unter der Sonne allerdings nur bedingt klare Aussagen von sich: „Es ist schwer einzuschätzen. Die schnellste Frau der Welt ist immer noch langsamer, als der schnellste Mann der Welt. So kann man auch nicht sagen, ob die Frauen WM in Ganze auf einem Level spielt, der sich mit einer bundesdeutschen Herrenregionalliga oder GFL2 vergleichen lässt. Wir wissen einfach noch nicht hundertprozentig, ob im internationalen Frauenfootball noch viel improvisiert wird und durch Zufall ein Pass auch einen Receiver erreicht, oder ob immer hinter einem Touchdownerfolg auch wirklich eine planende Hand zu erkennen ist“, bemerkt Wide Receiver Coach Robert Melzer nachdenklich, ergänzt aber auch treffend: „Deswegen ist die erste Frauen WM ja auch so wichtig für eine erste Standortbestimmung. Wenn wir jetzt nicht beginnen würden, dann würden wir wieder Jahre in der Entwicklung verschenken und auch nicht die Chance ergreifen können, einen neuen Quantensprung durchzuführen.“
Nicht vergessen sollte man auch die Garde der ersten Frauenfootballerinnen, die nach Jahren des Aufbauens im Herbst ihrer sportlichen Karriere keine Kosten und Mühen scheuen, um wenigstens einmal ihre Nationalhymne bei einem Länderspiel in ihrem Sport zu erleben und um dann natürlich auch in der ersten Reihe stehen wollen.
Last but not least geht es bei der ersten Frauenfootball WM auch um das große und immer noch weit entfernte Ziel, dass American Football einmal in die olympische Familie aufgenommen werden soll. Neben dem notwendigen Kleingeld geht es dem IOC auch immer um den Nachweis der nachhaltigen globalen Strukturen, die in den letzten Jahren durch die IFAF und ihren Kontinentalverbänden ja auch geschaffen wurde, und natürlich um attraktive Wettbewerbe auf internationaler Ebene. Hier hatte der Sportart American Football, nachdem sogar der Flagfootball internationale Meisterschaften austrägt, genau der letzte Diamant in der Schmuckkette noch gefehlt. Erst durch die nun folgende Frauenfootball WM wird American Football richtig vollkommen.
Spannend gestaltet sich auch die Frage, was denn nun die Teams und ihre Fans in Skandinavien aus organisatorischer Sicht geboten bekommen. Natürlich ist Stockholm mit seiner Nähe zum Wasser, seinem weltoffenen skandinavischen Charakter und gemäßigtem Klima eine tolle Stadt. Das Stadion Zinkensdamm IP (IP =Idrotts Plats = Sportplatz) ist für den Footballsport keine Unbekannte und eine wirklich gute Adresse. Die Stockholm Mean Machines haben hier vor Jahren ihre sportliche Heimat gefunden und 2006 wurde an gleicher Stelle die Junioren EM veranstaltet, so dass der schwedische Dachverband SAFF einige Erfahrungen und Expertisen in der Organisation eines solchen „Events“ anzubieten hat. Das Stadion verfügt über einen in Skandinavien weit verbreiteten Kunstrasen mit kurzen Halmen, der mit Granulat verfüllt wurde, feste Footballmarkierungen, rund 5900 Zuschauerplätze und eine überdachte Tribüne. Das Zentrum der Metropole befindet sich aus Sicht des Stadions in der Nachbarschaft, ist schnell mit Bus und U-Bahn zu erreichen und lädt die Freunde des schwedischen Sommers mit seinen langen Tagen und kurzen Nächsten zu vielen Attraktionen ein.
Der schwedische Ausrichter und die finnische Turnierleitung haben, so scheint es, die Organisation voll im Griff. In akribischer Kleinarbeit wurden sämtliche Details Anfang Mai den verantwortlichen Sportdirektoren und Funktionären der teilnehmenden Nationen während eines technischen Meetings im Zinkensdamm Stadion präsentiert und alle Quartiere inspiziert. Eigentlich kann das Turnier nun nur noch von einem neuerlichen isländischen Vulkanausbruch gestört werden, was die Anreise der Footballfreunde aus Übersee behindern könnte, aber natürlich niemand herbeirufen möchte. Möge die erste Frauenfootball Weltmeisterschaft dazu beitragen, den Rest der Welt zu beflügeln, sich ebenfalls für die Belange des Ladyfootballs einzusetzen.
15.06.10
Es vergeht eigentlich kein Tag mehr, an dem ich nicht irgendwas für die Nationalmannschaft zu tun habe. Manchmal nur Kleinigkeiten, ein Anruf oder ein E-Mail, manchmal aber auch mehr. Oft ist Arbeit ja auch mit angenehmen Dingen wie netten Gesprächen mit Journalisten oder Fotografieren beim U19 Auswahl-Spiel verbunden. Für mich hält sich das aber noch in Grenzen.
Ich möchte den Blick lieber auf Christiane Langkamm lenken. Für Christiane vergehen bestimmt keine sechs Stunden, ohne dass es etwas für die National-Mannschaft zu tun gibt. Manchmal bekam ich am Tag drei Updates, wie meine Reiseroute nach Schweden nun verläuft. Be der endgültigen Lösung fahre ich am Samstag Abend mit dem Equipment-Wagen nach Stockholm, um am Sonntag dann unsere Gegner zu filmen. Damit alles passt, hat Christiane nicht nur die Reise geplant, sondern auch gleich den Pressetermin am Samstag so zeitlich angepasst, dass ich den auch über die Bühne bringen kann und er trotzdem in den Trainingsplan passt.
Als die Anreise der Coaches nach Berlin zur Frage stand, bekam man gleich drei Vorschläge. Aber nicht nur einfach Vorschläge, sondern komplette Reiseangebote:
A: Auto mit Kilometerangabe, Dauer und Kosten
B: Zug mit Abfahrt und Ankunftszeiten, Umsteigebahnhof undKosten
C: Flug mit Uhrzeit, Fluggesellschaft, Kosten
Man brauchte nur noch zu wählen, welche Alternative einem am besten zusagte. Und als ich beim Zugticket den Hinweis auf die notwendige Platzreservierung anbrachte, bekam ich gleich einen Telefoanruf: „Was denkst denn Du? Natürlich bestelle ich die mit..“. 😉
Christiane ist immer aktiv und versucht überall jede Sache bis in Kleinste zu optimieren. Den Komfort sollten alle schon zu spüren bekommen haben. Man hat, sowie bereits im Camp, immer das Gefühl, komplett umsorgt zu sein. Und daneben kommt sie auch immer wieder mit guten Ideen, auch für die Pressearbeit.
Ihr EMail-Fach muss eigentlich ständig überquellen. 30 bis 40 Mails pro Tag nur für die Nationalmannschaft sind wohl keine Seltenheit. Mails mit Inhalt nicht nur einfach Spam. Mails die auch beantwortet werden müssen.
Warum ich das schreibe, obwohl Christiane lieber im Hintergrund bleiben will und eine Lobpreisung hier gar nicht so gerne lesen wird? Zum einen, weil sie es jetzt schon verdient hat, zum anderen weil ich imMoment gerade nichts anderes für die Nationalmannschaft zu tun habe. Ich werde mal meine EMails abrufen oder die TODO-Liste checken. Dann wird sich dieser Zustand des Nichtstuns bestimmt auch wieder ändern….
14.06.10
Ich glaube es wird mal wieder Zeit für einen Beitrag aus dem schönen Rheinhessen.
Irgendwie stacheln mich die schriftlichen Ergüsse meiner Mitspielerinnen dazu an, wieder etwas zu verschriftlichen, was mir schon die ganze Zeit im Hirn herumschwirrt.
Die Frage ist lediglich, mit was fange ich an? Mit dem Trainingsplan von Steffen, dem ich in meinem propperen Terminkalender auch noch Platz einräumen muss, oder erzähle ich davon, wie mich die NADA und sämtlicher Verwaltungsschnodder in Atem hält?
Ich habe viele Dinge, die mir immer wieder im Kopf herumspuken. Meistens in den Momenten, wo ich unbeobachtet und alleine bin – in meinem Auto also.
Mein Auto, auch so ein Thema. Das was ich bis jetzt ins Projekt „Leistungssport“ gesteckt habe, reichte damals zur Anschaffung meiner blauen Schleuder. Kein neuer Zahnriemen, auch keine Sommerreifen, die Kupplung muss auch noch warten. Hoffentlich lohnen sich diese ganzen Sparmaßnahmen, und ich darf Starter spielen und/oder mit einer Medaille nach Deutschland zurückreisen.(*.*)
Eine Medaille – hach wäre das schön! Die bekäme von mir einen Ehrenplatz! An meiner Wohnzimmerwand, genau neben den Pokalen, die ich bei meinen Turnieren im Reiten bekommen hab, damals als ich noch nicht meine „kleine“ Ente hatte.
Ohje…die Ente…was mache ich nur mit der, während ich in Schweden bin?! Gut, auf seiner Weide wird das Tier sicher so schnell nicht verhungern, aber was tun ohne die soziale Zuwendung, die der Herr Schwenk abends genießt? Wird er leiden? Werde ich leiden? Wahrscheinlich eher ich als er, deshalb kommt auch ein Foto von ihm mit ins Gepäck! (Für die Unwissenden…ich rede von meinem Pferd)
Gott sei Dank habe ich eine gute Seele, die uns auch jetzt schon da, wo Zeit Mangelware ist, unter die Arme greift und auch mal eine Extra-Pferdeschicht einlegt, wenn ich ein Spiel oder in Mainz Training habe. Ich glaube der Guten sollte ich mal Danke sagen, genau wie meinen anderen Stallmädels, die sich übrigens nicht lumpen ließen und mir zum Geburtstag eine Finanzspritze zur „Gesunderhaltung der Gehirnzellen“ (Neuer Helm) gegeben haben.
Eigentlich muss ich noch mehr Menschen Danke sagen, denn ohne Unterstützung von außen wäre auch bei mir dieses Projekt nicht zu realisieren. Meinen Kollegen muss ich danken, da sie mir ermöglichen meine Überstunden in Schweden zu verbraten und einiges aushalten, wenn ich mal wieder von Schweden, WM und manchen Scherereien vor mich hin fasel. Ich glaube, mich würde das ganz schön nerven! Wie gut, dass nicht ICH die Idee hatte unser Büro in Schwarz-Rot-Gold zu dekorieren und ein Schild mit „Team Germany“ an die Tür zu hängen! (^.^)b
Mein Bruder und seine noch Freundin verdienen auch einen kleinen Dank. Immerhin verpasse ich durch die WM die Hochzeit der beiden. Parole aus dem Lager im Westerwald ist „Hol uns eine Medaille, das reicht als Hochzeitsgeschenk!“ Na dann, auf in den Kampf würde ich sagen!
Spiel, Satz, Sieg… Nein verdammt, falsche Sportart! Ich spiele American Football und kein Tennis. Aber auch da muss man seine Sachen alle beisammen haben, was mich mit einer äußerst eleganten Überleitung zu meinem nächsten Thema bringt. Was packe ich ein. Yvonne hat es ja schon geschrieben, 20 Kilo inkl. Ausrüstung. Das wird bei mir kleinem Walfisch eine Herausforderung. Kann man im neuen Hotel Wäsche waschen? Wie viele Paar Schuhe nimmt Frau mit? Kann das Täschchen mit dem Mädchenkram ins Handgepäck? Ist der Mascara evtl bombenfähig? Tasche oder Trolli? Wie viel Unterwäsche passt in meinen Helm? Ist ein Fön überlebenswichtig? Brauche ich mehr lange Sachen, oder mehr kurze? Hat die Bahn bis Berlin einen VIP-Wagon für uns, oder können wir uns in die erste Klasse schmuggeln? Glaubt ihr, da passt noch eine kleine Deutschlandflagge ins Gepäck? Mit oder ohne Adler? Nehme ich meinen Lappi mit, um euch auf dem laufenden zu halten, und lasse dafür ein Buch zu hause? Wo packe ich den Fotoapparat hin? Fragen über Fragen….
„When I get older, I will be stronger. They’ll call me freedom, just like a Waving Flag“ Diese Zeilen bringen mich zu dem, was am Freitag war. Startschuß zu vier Wochen Fußballfieber. Beim Public viewing kann ich schon mal meine Textsicherheit unter Beweis stellen. Ich befürchte allerdings, dass ich in Stockholm einige Taschentücher brauche, wenn wir gemeinsam singen „Einigkeit und Recht und Freiheit…“
13.06.10
Sandra Lemmer spielt in der neuen Frauenfootballnationalmannschaft auf der Defensive Line und beweist, dass eine „Linewoman“ keineswegs auf den Kopf gefallen sein muss. Die 32-jährige Münchnerin verfügt über einen Doktor-Titel in Deutscher Philologie und stand uns freundlicherweise Rede und Antwort.
Football-aktuell.de:
Hallo Sandra, Du bist in unserer kleinen Serie, die am südlichsten gelegene Sportlerin. Gab es während der Camps Verständigungsschwierigkeiten mit den norddeutschen Vertreterinnen?
Sandra Lemmer:
(lachend) – Nein, eine babylonische Sprachverwirrung gab es in Silberborn nicht. Ich bin zwar geborene Münchnerin und kann aufgrund meiner Berchtesgadener Wurzeln tatsächlich tiefstes Oberbairisch reden, spreche aber im Alltag recht dialektfreies Hochdeutsch. Dabei mag ich Dialekte sehr; ich finde es schön, wenn meine Mitspielerinnen mit dialektaler Färbung sprechen. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas davon nicht verstanden zu haben. Im Gegenteil. Das ist Musik in meinen philologischen Ohren.
Football-aktuell.de:
Wie bist Du zum Football gekommen? Sind die Munich Cowboy Ladies aktiv gewesen? Vielleicht kannst Du uns noch etwas zu Deiner Person erzählen?
Sandra Lemmer:
Ich wurde vor fünf Jahren beim Ausgehen auf der Tanzfläche von einer Spielerin der Munich Cowboys Ladies angesprochen. „Wer in solchen Boots tanzen könne, der mache sich sicherlich auch auf dem Footballrasen nicht schlecht“, so ihr Gedanke. Ich hatte unlängst mit dem Gedanken an American Football geliebäugelt; das Angebot des Probetrainings nahm ich begeistert an und war fortan diesem großartigen Sport verfallen.
Ich war bis dahin beim Sport stets Solist – meilenweite Läufe, große Radstrecken, Kraftsport habe ich immer allein absolviert. Ich habe mir das für mein individuelles Training bewahrt, genieße aber auch die Teamtrainings sehr. „One for all, and all for one“ ist für mich nicht nur Schlachtruf der Munich Cowboys Ladies, sondern ein tief empfundenes Gefühl. Es nun mit der Nationalmannschaft teilen zu können, macht mich überglücklich.
Ich bin übrigens 32 Jahre alt und wurde am 30. Mai in München geboren. Ich habe nach meinem Abitur an der LMU Germanistik und Psycholinguistik studiert und 2007 in Mediävistik (Sprache und Literatur des Mittelalters) promoviert. Ich arbeite im Zentralen Qualitätsmanagement eines großen Marktforschungsinstitutes.
Football-aktuell.de:
Wir haben in unserer Serie bisher ganz junge, große, kleine Single-Löwenmütter und Nationalspielerinnen, die ganz lange zum Punktspiel und Training fahren müssen und auch Spielerinnen, die mit Wikingerhelmen während eines GFL-Spieles herumlaufen. Vielleicht kannst Du auch mit einer ganz besonderen Begebenheit aufwarten, die Dich auszeichnet.
Sandra Lemmer:
Da siehst Du mal, ich bin weder besonders jung, noch uralt. Ich bin irgendwas zwischen groß und klein und lief bislang weder in Dirndl noch Lederhose herum. Dennoch falle ich bei Heimspielen auf, weil es mich zu solchen Anlässen im Stadion zweimal gibt. Meine eineiige Zwillingsschwester (sie spielt nicht Football) wird immer wieder von Mitspielern und Coaches auf das Feld gebeten, weil sie annehmen, sie sei ich.
Darüber hinaus divergiert vermutlich meine „Spielvorbereitung“ von jener meiner Mitspielerinnen. Während sie sich mit aufpeitschender Musik aufheizen, in Spiellaune bringen, versuche ich, meine Nervosität vor einem Spiel mit meditativer Musik in den Griff zu bekommen. Meine Spiellaune ist erreicht, wenn ich die Schnappatmung kontrollieren kann.
Football-aktuell.de:
Wie glaubst Du, wird sich der Frauenfootball in Deutschland noch verändern? Wird er athletischer? Wird er in Zukunft von der Öffentlichkeit stärker
wahrgenommen werden? Wird er schneller, technisch anspruchsvoller?
Sandra Lemmer:
Der Sport ist gewachsen und wächst weiter. Das Wachstum erkläre ich mir einerseits mit der Faszination Football. Für mich, für die Football (m)ein Lebensgefühl darstellt, ist es unvorstellbar nach einem Training nicht dabei zu bleiben. Nicht „infiziert“ zu sein. Zum anderen dürfte die Einführung der zweiten Liga einen entscheidenden Rückenwind gebracht haben. Ein Team braucht weniger Spielerinnen, um am Spielbetrieb teilnehmen zu können. Das motiviert natürlich – man trainiert nicht nur vor sich hin, sondern kann sich in Spielen mit anderen Teams messen. Das weckt Leistungswillen. Und der wiederum steigert das Spielniveau; der Sport wird schneller, anspruchsvoller und athletischer.
Auch die U-19 Auswahl und die Nationalmannschaft führen meines Erachtens zu einem Leistungsdenken, das ambitionierte Spielerinnen für den Sport begeistern wird. Und das gleichermaßen Aufmerksamkeit und Interesse einer Öffentlichkeit evoziert. Man kennt das ja von anderen Sportarten: je leistungsorientierter Wettkämpfe stattfinden, umso mehr Zuschauer bejubeln „ihre“ Sportler. Während in Kreisligen bestenfalls Mütter und Väter die Zuseherränge einnehmen, füllen Weltmeisterschaften riesige Stadien.
Auch wenn dies im Falle von American Football vermutlich bestenfalls meine Urenkelin erleben dürfte, bin ich zuversichtlich, dass Frauenfootball in Deutschland zunehmend an Popularität gewinnen wird und sehr dankbar, eine Spielerin der frühen Stunden des American Football in Deutschland sein zu dürfen.
Football-aktuell.de:
Wie bereitest Du Dich auf die WM speziell vor?
Sandra Lemmer:
Ich trainierte bereits vor meiner Nominierung sehr ambitioniert und ehrgeizig. Ich mag es, mich zu schinden und mir selbst viel abzuverlangen. Wenn ich nicht mehr kann, wenn meine Grenzen anscheinend erreicht sind, lege ich noch ein Schippchen drauf. Wir haben einen Trainingsplan erhalten, den ich in mein tägliches Training integriere. Ein wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung besteht auch in der Lektüre und der Verinnerlichung des Playbooks. Was nützt ein exzellent vorbereiteter Körper, wenn der Kopf diesen nicht zu dirigieren weiß?
Football-aktuell.de:
Welche Chancen werdet ihr in Stockholm nach Deiner Meinung haben?
Sandra Lemmer:
Wir werden in Schweden auf sehr gute Gegner treffen; USA und Kanada scheinen auf den ersten Blick geradezu übermächtig. Dennoch bin ich optimistisch (und hoffentlich auch realistisch): ich möchte gerne mit einer Medaille um den Hals aus Stockholm zurückkehren. Bronze halte ich für machbar. Silber und Gold für einen Griff in die Sterne. Aber auch die sollen ja hin und wieder erreichbar sein. In erster Linie wünsche ich mir, dass wir ein gutes Turnier spielen können und eine sehr gute Leistung abrufen können.
Football-aktuell.de:
Fahren auch Verwandte und Bekannte nach Stockholm, um Euch anzufeuern?
Sandra Lemmer:
Ja, auch nicht nominierte Spielerinnen, Familien und Freunde von Kader-Spielerinnen fahren nach Stockholm, um uns anzufeuern. Ich finde diese Unterstützung klasse und beflügelnd.
Football-aktuell.de:
Vielen Dank für Deine Zeit und interessanten Antworten.
12.06.10
Robert Melzer ist der „Trabi“ unter den Coaches in der neuen Frauen-Nationalmannschaft und gilt mittlerweile im Team als der rasende und rastlose Robert. Im Auswahlteam ist er zuständig für die Wide Receiver und die Special Teams. Beruflich ist der Flugbegleiter auf dem Weg sich neu zu orientieren und hofft bald auf eine Ausbildungsmöglichkeit zum Erzieher.
Pausen kennt der gute Trabi nicht und der Sprecher der Nationalmannschaft, Andreas Gebek berichtet von der Melzerischen Arbeitsweise mit Respekt: „Die Analyse von 90 Minuten Special Team Testing erledigt er nebenbei zwischen den Einheiten, Videoscouting und Theorie. Ein Phänomen dieser Mann. Er scheint nie müde zu sein, ist immer aktiv. Seine Spielerinnen können sicher sein, dass er ständig für sie da ist und ihnen alle Informationen gibt, damit sie besser werden können.“
Über seine Methoden und Analyseansätze gibt Robert Melzer entsprechend gerne Auskunft: „Wenn ich mich für ein Team interessiere, dann bediene ich mich zuerst hauptsächlich im Internet. Zuerst suche ich nach dem betreffenden Team, schaue mir auf „Youtube“ zum Beispiel Spiele und Fotogalerien an, analysiere die Coaches. Wenn ich die Lebensgeschichte eines gesuchten Trainers kenne, weiß ich, wo er bereits trainiert und nach welchen Spielsystemen er gearbeitet hat, beziehungsweise wie seine momentane Arbeitsweise ist. In Fotogalerien kann ich erkennen, wie zum Beispiel unser gesuchter Coach zwei Safeties in der Defense einsetzt. Entsprechend kann ich im Training unsere Offense postieren.“
Mittlerweise hat sich Robert Melzer einen groben Überblick über die Teams USA, Kanada und Schweden verschaffen können. „Für die USA spricht, dass sie aus dem Vollen schöpfen können und die wirklich besten Spielerinnen ihrer Liga mitbringen können. Sie sind schnell und ein besonderer Maßstab. Aber – selbst wenn die USA in den Spielen nur knapp gewinnen sollten, wäre dieses sicherlich für sie eine Enttäuschung und würde ihr Ego angreifen. Das wäre unsere Chance. Entsprechend sind alle anderen Teams die „Underdogs“. Kanada wird es auf ein Kräftemessen mit den USA ankommen lassen. Zwischen beiden Ländern herrscht wie im Eishockey ein ganz besonderer freundschaftlicher Wettbewerb. Schweden sollten wir packen können. Auch wenn die Mannschaft bereits schon gegen Finnland gespielt hat, so hat sich unser Frauen-Football schneller als im gesamten skandinavischen Raum entwickelt.“
Zu einer Analyse gehört natürlich auch die interne Selbstbetrachtung. „Ich muss mich zuerst fragen, was ich überhaupt für ein Personal zur Verfügung habe. Sind es schnellere Spielerinnen oder eher langsamere Athletinnen. Entsprechend wird das Playbook aufgebaut. Es muss vor allem allgemeinverständlich gehalten werden. Die Terminologie soll zum Team passen und die Spielerinnen sollen so wenig wie möglich auswendig lernen, sondern eigenständig erfassen, was der Trainer erreichen möchte.
Coach Melzer, der auch als Offensive Coordinator beim Herren-, als Berater beim Frauenteam der Spandau Bulldogs und beim AFVBB als Mitglied der Prüfungskommission für C-Lizenztrainer aktiv ist, steht seinen Spielerinnen übrigens auch zwischen den Camps gerne zur Verfügung und lädt sie zu einem Ideenaustausch und Fragenwettbewerb ein. „Wer fragt, erhält auch prompt eine Antwort. Das garantiere ich. Sonja aus Mainz, Pia aus Mülheim, Jeanette aus Nürnberg haben es bereits getan und auch ihre Antworten und Tipps postwendend erhalten.“
Er vergisst natürlich auch nicht über die Fortschritte im Frauen-Football zu erzählen und erinnert sich an die Anfänge: „Mitglied in diesem Team zu sein ist eine besondere Ehre. Das gilt auch für jeden Coach. Ich hätte nie gedacht, dass die Entwicklung so schnell voran gehen würde und dass wir heute bereits über zwei Ligen verfügen. Die Kobra Ladies zum Beispiel sind mit einem kleinen Kader schon mehrmals Meister geworden. Sie zeigen uns: Wer sich richtig engagiert, kann auch erfolgreich sein. Sie spielen keinen komplizierten Football, sondern ein System, welches zu Ihnen passt und sie beherrschen es. Vor allem ziehen in Berlin alle an einen Strang und jeder kämpft für jeden – so sollte es auch bei der ersten deutschen Frauen-Nationalmannschaft sein!“